Schätzungen zufolge werden Videos im Jahr 2022 etwa
82 % des gesamten Webdatenverkehrs bei Endkunden ausmachen. Das zeigt deutlich: Unternehmen, die keine Videos für Ihr Zielpublikum erstellen, werden schnell auf der Strecke bleiben.
Doch nur etwa
20 % der Weltbevölkerung spricht Englisch. Deshalb müssen alle Marken, die ihren Einfluss global ausbauen möchten, Videos lokalisieren, das heißt, den Video-Content speziell auf den jeweiligen Zielmarkt zuschneiden.
Nur wenige kennen sich mit dem Thema Videolokalisierung so gut aus wie Andre Hemker, der neue CEO von Wordbee. Deshalb haben wir ihn in unser
Globally Speaking Radio eingeladen, seine Sichtweise zum Thema zu erläutern.
Tiefergehende Lokalisierung
Die meisten von uns kennen herkömmliche Videolokalisierungsmethoden wie Untertitelung, Synchronisation und Voiceover. Doch neue Techniken für visuellen Content – wie jene von Hemker und seinem Team – erlauben die Produktion immersiver Videos, mit denen Marken mehr Kunden für weniger Geld erreichen.
Anhand eines Beispiels aus seiner eigenen Erfahrung verdeutlicht Hemker die potenziellen Einsatzmöglichkeiten moderner Videolokalisierungs- und Produktionstechnologie. Hemker und sein Team wurden gebeten, einen Werbefilm für ein Unternehmen zu drehen, das Navigationssoftware für Fahrzeuge produziert. Als Kulisse für den Film sollte ein amerikanischer Highway dienen. Doch die Vollsperrung einer Hauptverkehrsader in den USA war weder wirtschaftlich noch praktisch umsetzbar.
Glücklicherweise waren die Behörden in Polen bereit, die Produktion zu unterstützen. Das Team nutzte ein wildes Sammelsurium klassischer Medienproduktions- und Lokalisierungstechnik, um dem Zuschauer zu suggerieren, dass der Werbespot in den USA gedreht worden war. „Wir haben die gesamte Szene auf einer Schnellstraße in Polen gedreht. Dazu haben wir die Beschilderung und die Fahrbahnmarkierungen verändert. Natürlich hatten wir auch Text, den wir mittels After Effects als Overlay integrierten. Und schließlich verwendeten wir auch ein Translation-Management-System.“
Ein weiteres von Hemker angeführtes Beispiel ist ein russischer Film, den er kürzlich gesehen hatte, in dem ein Schriftzug auf einem Armband gezeigt wurde. Anstatt den Text zu lokalisieren, was Hemker zufolge recht einfach gewesen wäre, war der Text auf Russisch belassen worden. Winzige Details wie diese können in der Summe darüber entscheiden, ob ein Film gut oder schlecht ankommt.
Eine über den reinen Text und Bilder hinausgehende Lokalisierung erfordert jedoch einen tiefgreifenderen Ansatz. „Globally Speaking“-Moderator Jim Compton bezeichnet dies als „deep localization“, also tiefergehende Lokalisierung: „... die Lokalisierung geht sehr in die Tiefe, stimmt‘s? Es wird nicht nur oberflächlich lokalisiert, sondern gründlich bis in den Kern.“ Und genau das wurde im in Polen gedrehten Werbespot des Navigationsherstellers getan.
Tiefergehende Integration von Lokalisierung und Technologie
Hemker erläutert außerdem „Hürden im Technologieumfeld“ in der Lokalisierungsbranche, die die Skalierbarkeit und das Wachstum von Videolokalisierung ausbremsen. Im Interview merkt Jim Compton an: „Sowohl die Lokalisierung als auch die Audio- und Videoproduktion haben eine eigene Technologielandschaft. Sie sind voneinander getrennt.“ Hemker entgegnet: „Es gibt nicht viele, die sich in beiden Welten gut auskennen, und das auch noch gut genug, um beide zu kombinieren.“ Es ist höchste Zeit, dass beide Toolsets miteinander integriert werden, um öfter tiefergehend lokalisieren zu können.
Sowohl Compton als auch Hemker können die Zukunft der Lokalisierungstechnologien kaum erwarten. Sie gehen davon aus, dass sie besser mit Videoproduktionssoftware wie After Effects und Untertitelungsplattformen integriert sein werden, um die momentanen Hürden zu beseitigen und Lokalisierungsprozesse zu beschleunigen, stärker zu automatisieren und insgesamt effizienter zu gestalten. Die Verknüpfung von separaten Lokalisierungs- und A/V-Teams würde auch dazu beitragen, dass beide Seiten die Arbeitsweise der anderen besser verstehen und so noch mehr innovative Ideen hervorbringen – für eine bessere und schnellere Videolokalisierung.
Arbeiten im Rahmen der Möglichkeiten
Besonders große Technologie-Unternehmen sind oft schnell dabei, die neuesten Tools und innovative Technologien zu übernehmen, um der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein, die Gewinnspanne zu erhöhen und mehr Umsatz zu generieren. Doch wie sollen sie neue Technologien übernehmen, wenn sie nicht wissen, dass es sie gibt? Als Beispiel für die Unzulänglichkeiten der meisten Videolokalisierungs-Workflows führt Hemker einen führenden Online-Streaming-Anbieter für Film und Fernsehen an, der in 190 Ländern aktiv ist. Dennoch „findet man nur drei, vier oder fünf Synchronversionen. Der Prozess ist so spezialisiert, dass man speziell ausgebildete Leute dafür braucht, um gute Arbeit zu leisten … Man muss einen Workflow für ein gemeinsames Expertenteam erstellen, um wirklich gute Synchronisationen zu erzielen.“ Derzeit läuft der Lokalisierungsprozess noch so ab: Der gesprochene Text eines Videos – die Audiospur – wird extrahiert und dann transkribiert. Diese Transkription muss dann in die vom Kunden gewünschten Sprachen übersetzt werden. Im nächsten Schritt kommen die passenden Sprecher ins Studio, um die übersetzten Versionen aufzunehmen. Und zu guter Letzt müssen Audiotechniker den Prozess umkehren, um den neuen lokalisierten Text in die Videos zu integrieren. Ganz zu schweigen von der Untertitelung und der Lokalisierung der Elemente im Video selbst.
Doch mit der fortschreitenden Entwicklung der Technologie werden Unternehmen effektivere Workflows zur Verfügung stehen, die eine Skalierung ihrer Videolokalisierungsvorhaben ermöglichen, die Qualität steigern sowie die Kosten senken. Das bedeutet mehr lokalisierte Videos, mehr Endkunden, die sie sich anschauen können, und im Idealfall mehr Umsatz weltweit. Ein zusätzliches Plus: Auch das Benutzungserlebnis wird aufgewertet, wenn Kunden ihre Lieblings-TV-Sendungen oder -Filme mit verschiedensten Synchronisationen und Untertiteln schauen können.
Doch dazu müssen die Tools auf neue Weise miteinander vereint werden. Es geht darum, wie Jim Compton es ausdrückt, „die Lokalisierungstools in das eigentliche System zu integrieren, in dem der Content erstellt wird.“
Die Zukunft der Videolokalisierung
Technologie wird bei der Hinwendung zu Video-Content und allem darum herum eine entscheidende Rolle spielen. Für Hemker stehen dabei zwei Trends an vorderster Stelle: maschinelle Übersetzung und Interoperabilität. Zur maschinellen Übersetzung merkt er an: „Ich glaube, sobald gewisse Unternehmen erkennen, wie dem Prozess mehr Zeit gegeben und wie er kostengünstiger gestaltet und optimiert werden kann, dann wird sich einiges in diesem Bereich tun.“ Hinter dem Begriff Interoperabilität steht das Konzept, dass Tools miteinander integriert werden und reibungslos zusammenarbeiten können. Hemker meint dazu: „Ich finde es bestürzend, dass unsere Branche noch immer so viele verschiedene Technologien nutzt, die nicht miteinander kompatibel sind.“
Video-Content wird für Unternehmen und deren Marken ein immer wichtigeres Instrument werden, um Kunden anzusprechen und mit ihnen zu interagieren. Um die Anforderungen eines globalen Marktes an den bevorzugten Typ digitalen Contents zu erfüllen, sind immer mehr Lokalisierungen notwendig. Doch die zugehörigen Prozesse müssen noch weiterentwickelt werden, damit Unternehmen diesen Content in größerem Umfang, schneller und zu geringeren Kosten produzieren können. Das gesamte Interview mit Andre Hemker hören Sie in der
106. Folge von Globally Speaking. Wenn Sie über künftige Folgen auf dem Laufenden bleiben möchten, können Sie den Podcast auch abonnieren.